Etwa achtzig Kilometer westlich, hinter der Staatsgrenze von Texas zu New Mexico, zieht entlang der US 62/180 ein Gebirgszug nach Nordosten. Dort, wo der Pecos River auf die State Route 62 trifft, dort liegt das Städtchen Carlsbad am nördlichen Ausläufer der Guadalupe Mountains.
Großformatige Werbetafeln entlang der State Routes, wie plötzlich auftauchend, künden von der nahen Siedlung oder Stadt. Als ich sie schließlich sehe, sind es bestimmt noch fünfzehn Minuten Fahrtzeit bis zum eigentlichen City Limit. Von Osten, von Fort Worth unweit der in Zentraltexas liegenden Hauptstadt Dallas kommend, liegen satte neun Stunden Fahrt hinter mir. So gegen acht, halb neun heute früh bin ich aufgebrochen. Bin immer westwärts gefahren, so sechs Stunden auf dem Interstate 20, über Abilene, Big Spring bis hin nach Stanton. Diesen Namen habe ich mir besonders gemerkt, will ich doch hier den Interstate verlassen, Richtung Lamesa über die State Route 137 nach Norden.
Ich bin das erste Mal hier in den Staaten und das erste Mal, daß ich
weiter raus ins Land fahre, bis zur Staatsgrenze. Da ist es nach sechs Stunden Interstate,
unseren Autobahnen vergleichbar, genug und es braucht nun eine andere Art von Straße.
Eine State Route ist sowas wie eine bundesdeutsche Landstraße und
führt durch Städte hindurch und nicht an ihnen vorbei. Bis dahin
kann es aber dauern. Bis nach Lamesa, der nächsten Stadt,
frißt sich der Wagen schnurgerade durch grenzenlose Ebene, deren
Rostbraun herrlich zum Himmelsblau kontrastiert, belebt von weißen,
hohen Cumuli.
Irgendwann halte ich am Straßenrand und steige aus. Da stehe ich nun
mitten auf der Straße und verfolge den orangegelben Mittelstreifen bis
hin zum Horizont. Mein Auge verliert sich in der grenzenlosen Weite, ein laues
Lüftchen weht und weit und breit ist kein anderes Fahrzeug weder zu sehen
noch zu hören.
Irgendwann ist Lamesa erreicht, die Straße geht in die Breite und
Holzhäuser tummeln sich am Rande. Hier innerorts sind dreißig
Meilen das Höchste an Speed, besser weniger. Keine Spur von Ungeduld,
Hektik und Drängelei wie im bundesdeutschen Verkehr. Für mich, der
ich nur selten selbst mit dem Wagen fahre, die reinste Erholung.
An der Junction, der Kreuzung da vor mir, weiß linker Hand ein
Schild die Richtung zur US 180, die mich die letzten 250 Kilometer bis
Carlsbad begleiten wird.
Ich passiere die Orte Seminole und, wenig später, Hobbs und bin knapp drei Stunden unterwegs für diese letzten Wegabschnitt von Lamesa bis zu meinem Zielort Carlsbad. Es ist Abend geworden und ich kurve ein wenig durch das kleine Städtchen auf der Suche nach einer Bleibe. Irgendwie, den genauen Grund kenne ich nicht, fahre ich entlang der Ausfallstraße Richtung Süden und nähere mich dabei immer mehr White City.
Das, was dem Namen nach Stadt sein will, ist weniger als eine Siedlung. Ich
biege von der Hauptstraße ab und auf eine breite asphaltierte
Fläche, die zugleich Parkplatz und einzige Straße dieses seltsamen
Ortes ist. Rechter Hand ist da ein Restaurant, Velvet Carter mit
Namen und, auf er anderen Seite gegenüber, eines der - wie's scheint -
überall präsenten Motels der Best Western-Kette. Und sogar
eine Oper haben sie hier, gleich linker Hand: Granny's Opera lese ich
da. Rechts neben dem Best Western das Million Dollar Museum. Ein paar
Meter weiter liegt der Eingang zum Carlsbad Caverns Nationalpark,
und da entscheide ich mich auch schon für diesen Ort, der aus einem dieser
Western gestohlen sein könnte. Das Einchecken geht schnell, der
Motelkomplex selbst liegt gegenüber auf der anderen Seite des Highways,
und kaum bin ich hin zu meinem Zimmer, bin ich auch schon wieder weg, hin zu
diesem einzigen Restaurant des Ortes.
Drinnen geht es richtig gepflegt zu, und die staubige, karge Welt da
draußen ist jetzt schon so weit weg, und sie haben sogar Bier im
Ausschank, drüben an der Bar, wo sie einem auch das Essen servieren wenn
man will. Wie es sich gehört hier in den Staaten, ist die Bar separiert
vom übrigen Geschehen, es geht durch eine Tür hindurch, die immer
offen ist und drüber steht Saloon.
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Die ewigen Höhlen der Guadalupes