Da sind wir also unterwegs auf dem Trail, angeführt und eingerahmt von offiziellen Rangern. Das nette kleine, rote Schild an der Wand, eine Einbahnstrage vortäuschend, wird von ihnen ignoriert, und wir tun das auch, ganz offiziell, und dann, noch ehe wir die groge Halle mit ihren tropfsteinernen Kunstwerken erreichen, hat John, unser Vordermann, eine von jenen Gittertüren geöffnet und wir betreten nun einen anderen, uns sonst verschlossenen Weg nach noch weiter unten.
Schon bald gibt es den ersten Stopp. John hat anhalten lassen und lägt ein paar Erklärungen fallen. Das etwa fünfzig Kilometer Höhlenwege vom Park erforscht seien, und nur ein Zehntel davon für öffentliche Besichtigungen aufbereitet wurden, durch Anlage befestigter Pfade wie jenem, auf dem wir gerade unterwegs seien. Das die Schäden durch Anfassen und Abbrechen des Tropfsteins hier unten seit Begleitung durch Ranger nicht weiter voran geschritten seien, im Gegensatz zur Haupthöhle. Er spricht über Tropfstein, über Auswaschungen des Kalksandsteins und der schöpferischen Kraft vom Anbeginn der Zeit, von ihren Arbeitsproben und Meisterstücken, die wir Eintagsfliegen, die wir sind, hie und da für einen kurzen Moment bewundern dürfen, nähmen wir sie nur war. Und das er, Privileg eines Rangers, hier schon einmal übernachtet habe, hier unten achthundert Fug unterhalb des kargen, trockenen, staubigen Wüstenbodens. Hier, wo ein Thermometer tagaus, tagein konstante dreizehn Grad migt, wo es keine Geräusche mehr gibt, nicht einmal das Plätschern eines Baches oder der Hauch eines Windzugs, wo kein Sonnenstahl je gewesen ist und die Nacht noch schwärzer ist als anderswo, hier unten sei er einmal gewesen, über Stunden und allein. Er kann es nicht beschreiben, nicht wirklich, gibt er zu, und natürlich sei es uns nicht möglich, hier einmal zu nächtigen, aber vielleicht nähmen wir ja doch ein bischen was mit von dem hier unten, jeder auf seine Weise.
Sie nennen ihn den Palast des Königs, den Raum hier, und wir beschreiten den King's Highway. Stalagtiten drängen sich nun ganz dicht an uns heran, wie aus Neugier, und das helle, elfenbeinfarbene Weig des Tropfsteins und die kühle, trockene Luft haben ein bischen was von einem Tannenwald an einem Wintertag nach starken Schneefall, wo Schnee die Bäume und Äste ziert und herab hängt. Doch wo dort erste Schmelze dem Zauber ein jähes Ende bereitet, unweigerlich, nach wenigen Wochen schon; dort oben, wo unsereins das Kommen des Frühlings und das Gehen des Winters alljährlich wieder aufs Neue erlebt, da scheinen diese Tropfsteinwelten, entstanden vor hunderttausenden von Jahren als ein Teil der Ewigkeit, und es ist als gäbe es keine Zeit hier unten, als sei hier alles unvergänglich, alles unsterblich.
Gleich nebenan, noch etwas tiefer, da ist dann noch ein Raum, wie der Parkservice die Höhlen respektvoll nennt, mit in etwa gleichen Ausmagen wie King's Palace, aber dem Namen nach ist es schlicht eine Kammer: Queen's Chamber. Wieder fordert John uns zum Verweilen auf, aber diesmal sollen wir uns setzen, auf dieses kleine, nicht einmal einen halben Meter hohe Mauerwerk entlang des Trails. Es scheint ihnen etwas daran zu liegen, John und Toni, unseren Rangern, dag wir alle wirklich einen Sitzplatz haben, und ihre Augen gehen die Reihe immer wieder ab. Irgendwas haben John und Toni im Sinn, aber was blog genau?
Sicherlich, beginnt John, sicherlich haben viele bereits einige Stunden hier im Park zugebracht, sind den Natural Entrance hinab zum Big Room gestiegen und haben dabei all die wunderschönen Figuren und Formen bewundert, die die Natur aus Wasser und Kalksandstein und Schwerkraft modellierte. Sie, der Parkservice, haben nichts dazu getan oder verändert, versichert John, bis auf die schmalen befestigten Pfade hier unten und der Beleuchtung. Ohne dieses künstlich eingebrachte Licht wäre es hier dunkel, stockdunkel, finsterer als jede mondlose Nacht dort oben. Man werde jetzt also das Licht ausmachen, für ein, zwei Minuten, und er werde dann auch nichts sagen, nicht reden und auch wir sollten schweigen. Dann sagt er etwas zu Toni, die am Eingang steht und dann ist alles, was eben noch war, plötzlich weg, verschluckt von der Finsternis, und es hilft nichts zu warten, das Auge adaptiert diesmal nicht an dieses unirdische Dunkel, diese Schwärze. Und auch kein Geräusch ist zu hören, und niemand redet. Ich erinnere mich an heute morgen, an meinen Ausflug in den Guadalupe Mountains Nationalpark, und wie seltsam, ungewohnt es war, nur den Wind zu hören und das Rascheln einer Fahne und niemanden zu sehen, weit und breit niemanden. Aber da war Tageslicht, grüne Wüstenflora säumte den steinigen Pfad und weiter hinten, am Horizont, baute sich El Capitain vor mir auf. Hier aber ist nun nicht einmal mehr Sonnenlicht und kein Geräusch, hier ist jetzt nur Schwärze und Stille wie zum Anbeginn aller Zeit. Da ist jetzt kein Wechsel mehr von Tag und Nacht, von Licht und Schatten. Kein Wind mehr und kein Sturm, in Stärke und Richtung wechselnd; kein Kommen und Gehen mehr von Hitze und Kälte, von nässendem Regen oder dörrender Trockenheit; kein Werden und kein Vergehen. Wir sind nur noch.
Und er erzählt von den ersten neuzeitlichen Entdeckern der Höhle gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Auf der Suche nach einer streunenden Kuh, so sei überliefert, hätten Ned Shattuck und sein Vater den abendlichen Ausflug einer Unzahl von Fledermäusen beobachtet. Solche Entdeckungen sprachen sich herum, und der Gedanke an den Abbau und die Nutzung von Guano, von Fledermausdung, als nitrathaltiges Düngemittel führte zu erster, einfacher bergwerklicher Tätigkeit. Simples Fackellicht und Karbidlampen dienten den Leuten damals als Geleucht, erhellte gerade mal die unmittelbare Umgebung.
- Fffftt: Ein fahles Licht tanzt da wirr umher wie am ersten Schöpfungstag, unbeholfen wie erstes neues Leben. John hat ein Streichholz entzündet; Karbidgeleucht gesellt sich dazu. Ein schales Licht, kraftlos glimmt es, kämpft vergebens mit der Größe des Raumes und verliert sich schlieglich dunkler werdend irgendwo im Gestein. So haben sie, erklärt John, so haben sie seinerzeit die Höhlen erkundet, skizziert, kartiert, immer wieder aufs neue Details dem Zwielicht abgerungen im schwindsüchtigen Schein der Karbidlampe. James Larkin White, einer dieser frühen Forscher und Entdecker, brachte das, was er sah und erinnerte, anderen mit Worten und Erzählungen, und die Geschichten machten sich auf ins Land, wo ein gewisser William Spry vom General Land Office die Frage, die Höhle als National-Denkmal zu deklarieren, untersuchen lieg. Der Bericht, verfaßt vom Mineralologen Robert A. Holley, beginnt mit den Worten:
I enter upon this task with a feeling of temerity as I am wholly conscious of the feebleness of my efforts to convey in words the deep conflicting emotions, the feeling of fear and awe, and the desire for an inspired understanding of the Divine Creator's work that presents to the human eye such a complex aggregate of natural wonders in such a limited space.
(Carlsbad Caverns National Park Booklet, 1973 John Barnett)
Farbiges, ruhiges Licht belebt nun wieder das Gestein. Das Jetzt, unsere Welt, hat uns wieder. Sie sind nun alle fort, jene, die das Gestein erforschten vor knapp hundert Jahren und ausleuchteten und kartierten im unsteten Licht der Fackel: Ned Shattuck, William Spry, Robert A. Holley und James Larkin White, dem Bergmann und ersten Ranger des Parks, dem White City ihren Namen verdankt. Die Höhle hat sie überlebt, war schon da lange vor ihnen, vor hunderttausenden von Jahren, als das Land sich hob und das Wasser durch den Kalkstein wieder zurück flog, und wird noch lange, lange einfach nur da sein, wenn wir, Toni, John und ich, auch schon fort, abgereist sein werden.
Fin
Die ewigen Höhlen der Guadalupes