Von hier, von Port Mayaca aus sind es noch circa fünfunddreißig Kilometer bis zum Südzipfel
des Lake Okeechobee. Bei Belle Glade geht es eine kurze Strecke westwärts, bis hinein nach South
Bay. Dort beginnt an einer Kreuzung die einzig ernst zu nehmende Straße, der Highway 27, Richtung Ft. Lauderdale,
Miami und Homestead.
Homestead ist mein Ziel. Dort befindet sich einer der drei Zugänge zum Nationalpark. Ansonsten finden sich nur vereinzelt,
alle zwanzig, dreißig Kilometer vielleicht, Straßen, die nach Süden führen. Hier, südlich des Okeechobee,
beginnen die Glades nun endgültig, bedecken die ganze Halbinsel, und nur an den Küstenstreifen finden sich die kleinen und
großen Städte.
Und während ich den Highway 27 entlang fahre, Meile um Meile mich meinem Ziel Homestead und dem Nationalpark
nähere, bin ich doch schon inmitten der Everglades, ist um mich herum eine endlose Ebene aus Sägegrass, das im
knietiefen Wasser auf dem Grunde dieses Flusses wurzelt.
Irgendwann nach einer guten Stunde seit meinem Aufbruch am Okeechobee kreuzt der Highway die Alligator Alley, den Interstate 75,
der sich von Ft. Lauderdale quer durch die Glades bis nach Naples, dem floridianischen Gegenstück zu Neapel an der
Westküste frißt.
Ich hingegen bleibe dem Highway treu, jedenfalls noch für eine kurze Weile, denn bis zu seinem Ende folgen darf ich
ihn nicht, führt er doch mitten ins Herz Miamis. An einer Kreuzung verlasse ich ihn und folge der Landstraße 997, die geradewegs
nach Homestead führt.
Dieser Ort ist eine der typischen amerikanischen Städte, die sich schon von weitem durch die Reklame diverser
Restaurantketten und Motellogos ankündigen, noch ehe man das offizielle Citylimit passiert, und es dauert eine kleine Ewigkeit,
bis es soweit ist.
Von Homestead führt eine kleine Landstraße, die 9336, zum hier noch knapp zehn Kilometer entfernten Nationalpark. Es gibt
keine übergroßen Hinweise am Straßenrand, und ein wenig Aufmerksamkeit hilft, das kleine Schild rechts nicht zu
übersehen.
Ich war schon einmal hier, vor zwei Jahren, aber nun erinnere ich plötzlich allerlei Details: die Alligator Farm längs des
Weges und an die Stichstraße, sie führt an einer Kreuzung nach links zum Gebäudekomplex eines Correctional
Institute, einer Besserungsanstalt. Und das ich hier jetzt rechts abbiegen muß und das es nur noch wenige Minuten
Fahrt sind bis hin zum Visitor Center, das ist jetzt wieder alles so klar und vertraut wie die Straßen und Läden meiner Heimatstadt.
Nach ein paar Minuten stelle ich den Wagen am Visitor-Center ab. Der Besuch des Visitor-Centers empfiehlt sich mehrfach. Einmal haben
sie Karten über den Park, einen Informationsschalter und sogar eine Anzeige des Mosquito-Status; heute liegt er zwischen light und
moderate, hauptsächlich an den Wasserstellen im Gebiet vom Flamingo. Wie nett, dort befindet sich auch ein Campground,
meine Schlafstatt für die nächsten Tage.
Natürlich gibt es einen Buchladen, und die vielen einschlägigen Titel dort machen Appetit. Alle von mir empfohlene Everglades
Literatur habe ich hier erworben. Und Insektenschutzmittel haben sie hier auch im Buchladen, und das kaufe ich auch gleich. Natürlich
verkaufen sie einen hier auch Bücher, aber das ist eher was für nach der Reise, zum Erinnern und Vertiefen. Jetzt, hier, gibt es die
Everglades live, in Farbe und 3-D. Aber der Buchladen ist ein Grund, bei der Abfahrt ein zweites Mal vorbei zu schauen.
Zurück am Wagen sprühe ich mich gleich ein. Es ist Ende April, die feuchte Jahreszeit steht erst bevor und mit ihr die wahre
Mosquitoplage, aber schon jetzt meine ich sie zu höhren. Die Erinnerung an sie und die Tage vor zwei Jahren hier ist nun wieder
ganz wach. Über zwei Stunden habe ich gebraucht vom Okeechobee bis hierher, über hundert Meilen, knapp zweihundert
Kilometer war ich schon unterwegs in den Glades. Hier am Visitor Center bei Homestead befindet sich einer der drei Eingänge
zum Nationalpark, einen weiteren gibt es an der Nordgrenze bei Shark Valley, und der dritte findet sich an der Westküste
in Everglades City. Wohin ich auch schaue, bis hin zum Horizont nur Graslandschaft und Baumgruppen. Ein Blick auf die Karte
zeigt die wahre Größe des Flusses; die lange Anfahrt vom Okeechobee erst aber läßt uns Stadtmenschen die
Weite der Everglades wirklich bewußt werden.
Wenn Sie, wie es Reisebüros oft empfehlen, in Miami landen, und mit dem Mietwagen in einer Stunde herüberfahren, sind Sie
schon mittendrin in den Glades, ohne es zu bemerken. Platzen Sie nicht einfach hinein, nehmen Sie sich Zeit für den Weg und
beginnen Sie am Okeechobee.
Es ist gut, wieder hier zu sein.