Sie gelten als die Ports zu den Everglades, die Flughäfen Ft. Lauderdale und Miami. Letzterer gar wirbt mit diesem Slogan, und im Reisebüro raten sie einem ohnehin immer zu Miami, wenn von den Everglades die Rede ist.
Doch das, was sich da südlich des Highway 41, des Tamiami Trails, welcher jenes Miami im Osten mit Tampa an der Westküste verbindet, bis zur südlichen Spitze Floridas erstreckt, ist nur die offiziell als Nationalpark ausgewiesene Fläche der Glades. Das oftmals als Sumpf missverstandene Gebiet beginnt einige hundert Kilometer weiter nördlich um einen See herum, des - einmal von den großen Seen zur Grenze Kanadas abgesehen - größten Binnengewässers der USA.
Okeechobee nennen sie es, dieses grosse Gewässer, zwischen Ft. Myers und West Palm Beach,
das sich da gibt wie ein Dreieck mit der Spitze ausgerichtet nach Westen und seiner mit fünfundsechzig
Kilometern längsten Seite an der Ostseite.
Hier sammelt er sich, der Überfluss an Wasser, wie er in der Regenzeit anfällt, in den Monaten zwischen
April und September. Und dann, wenn es trockener wird, die Regenfälle spärlicher werden und weniger
ergiebig, dann ist es das Wasser dieses Sees, was seinen Weg weiter südwärts findet und für den
Ausgleich sorgt.
Am späten Vormittag erreiche ich ihn, von Orlando aus kommend. Den Interstate, wie sie die Autobahn hier nennen, habe ich gemieden und habe die Landstraßen, die Highways benutzt. So sehe ich wenigstens, wie die Landschaft sich entwickelt, sich ausdünnt und der Blick sich verliert in der weiten Ebene. So bin ich vorbei an St. Cloud, Holopaw, den Highway 441 entlang nach Süden, der hier immer noch 4-spurig ist, passiere auf halben Wege Yeehav Junction und erreiche schließlich mit Okeechobee den Namenspaten dieses großen Gewässers.
Ich bin nicht Moses aus der Genesis, daher kann ich nicht die Wasser teilen und ihn fahrend queren; er bleibt mir versperrt, der direkte Weg weiter nach Süden. Ich muß um den See herum, der Highway von vorhin wird jetzt schmäler und erinnert an eine Landstraße daheim. Dafür, das ich den See, sein Ufer nicht sehe, kann sie allerdings nichts. Wenige hundert Meter vielleicht muß es ihn geben, weiter nicht, aber von dem bis zu fünfzig Kilometer breiten See ist nichts zu sehen. Allein dieser Wall aus Gras, rechts der Straße sich erstreckend, einen Damm bildend, läßt etwas von der Größe ahnen, die dieses Binnengewässer ausmacht.
Bei Port Mayaca schließlich gibt es einen sogenannten Wayside Park, und Sie müssen acht geben,
um ihn nicht zu verpassen; ich bin da immer vorbei gefahren, bei jeder meiner zwei Reisen dorthin. Vielleicht sind es
die großzügigen weitläufigen Landschaften hier, die sich nur langsam entwickeln, zu langsam für die Sinne
von uns Stadtmenschen. Immerhin, irgendwas Unbewusstes in mir ist noch wach, entdeckt das Andere um mich herum und
rät, etwas verspätet, zur Umkehr.
Ich bin dann die Anhöhe hinauf,
ganz langsam, weil vielleicht kommt da noch so jemand daher wie ich, von der anderen Seite. Und dann sehe ich ihn auch schon,
den Okeechobee, bin den Damm wieder hinunter zum Parkplatz hin, und es war sonst niemand da, der da schaute so wie ich.
Der See liegt einfach so da, ein Motorboot zieht vorbei, und sonst ist da nur Wasser bis hin zum Horizont.
Wie gesagt, dieses Florida hier kennt keine vier Jahreszeiten sondern nur zwei, und die heißen die trockene und
die feuchte Jahreszeit. Erstere währt von Oktober bis Ende April, um dann bis zum nächsten Oktober von
der feuchten, der Regenperiode abgelöst zu werden. In dieser Zeit sammelt sich der Regen, sammeln sich die Wasser
im See und füllen ihn auf, bis zum Rand hin. Das dauert ein paar Monate, dauert die ganze Regenperiode hindurch,
und wenn das Wasser dann endlich langsam über die Uferkante rinnt und seinen Weg findet südwärts zum
Golf und zur Florida Bay und fließt wie ein Fluß zu seiner Mündung, dann ist dieses die Lebensader der
Everglades, und der Okeechobee ist seine Quelle, zumindest eine der wichtigsten. Und genau dies sind die Everglades, sie
sind kein stehendes Gewässer, kein Sumpf, wie oft und falsch berichtet oder geschrieben wird, sondern wirklich ein
Fluß. Das Flußbett liegt so dicht unter dem Wasserspiegel, daß sich Vegetation, Sägegras, gebildet
hat, das Wasser verdeckend, so dicht und hoch gewachsen ist es.
Irgendwann aber vor ein paar Jahrzehnten hat man ihn angezapft mit Kanälen und das Wasser abgeleitet hin zu den
Metropolen mit ihren Wolkenkratzern, und immer weniger blieb dem Fluß auf seinen Weg in den Süden.
Da stehe ich nun eine Weile, sehe den See, rieche das Wasser und bemühe die Canon. Drei Fotos, mehr nicht.
Vielleicht gibt der Platz hier, fotografisch gesehen, mehr nicht her. Aber ich bin auch noch nicht lange hier. Man muß
eine Landschaft verstehen, ehe man sie ablichtet.
Dieser breite, langsame Fluß aus Gras, sich quer von der Ost- zur Westküste erstreckend, beginnt hier auf der Höhe des Lake Okeechobee; hier beginnen sie, die Florida Everglades. Der gleichnamige Nationalpark selbst ist noch über hundert Kilometer weit entfernt. Weiter