Da wache ich dann wieder vor dem Wecker auf, wie so oft. Und
als ich noch ein bißchen döse, da fällt es mir ein. Heute ist der
zweite Juni. Tag der Abreise nach Irland. In den Westen.
Es ist zehn nach sechs. Draußen an den Fassaden der Häuser
zerläuft sich das Orangegelb der frühen Sonne. Die nächsten
zehn Tage werde ich mit Ekkehard und Oliver die Inishmore , die
äußerste der drei Aran-Islands besuchen. Die berühmten
Klippen von Moher werden wir entlangwandern. Wir planen einige Tage Connemara
ein und zum Schluß noch etwas Galway.Da werden wir heute abend
auch ankommen und übernachten, wir drei.
Ekkehard kommt mit dem Zug angereist, heute Mittag. Oliver dann treffen wir später am Bahnhof. Von dort gehts gemeinsam raus zum Flughafen. Als ich dann den Rucksack packe, dieses und jenes hinein tue, wieder verwerfe und ausräume, da ist es als sei ich schon da, auf dem steinigen Inishmore oder am Rande der zweihundert Meter hohen Klippen von Moher. Doch irgendwann ist auch ein Rucksack endgültig gepackt. Die Kameratasche ist vollständig. Als ich mich dann aufmache in die Stadt, bleibt mir noch der Gang zum Friseur und der Geldumtausch. Während ersterer sich auch im nachhinein als notwendig erwies, war der Geldumtausch nun vollkommen sinnlos. Bei uns in Deutschland getauschtes irisches Pfund hat weniger Wert als das direkt in Irland frisch vom EC-Automaten ausgezahlte. Es ist der im Vergleich zu den EC-Gebühren von 2.50 schlechtere Wechselkurs, etwa 11 Pfennig pro Pfund, der sich für die Banken rechnet. Bei knapp 500 Pfund sind das über den Daumen 50 Mark Tauschgebühr. Aber die Rechnung mache ich erst jetzt. Hier beim Schreiben.
Am Bahnhof stehe ich dann am äußersten Ende und warte auf die Einfahrt vom Zug mit dem Ekkehard drin. Das muß wohl nicht der Norm entsprechen, denn da höre ich doch eine Lautsprecherstimme die Bahnsteigaufsicht zu erhöhter Wachsamkeit mahnen. Da bin ich dann doch brav deutsch und gehe ein paar Schritte zurück.
Der Ekkehard ist bereits in voller Reisemontur. Da kann ich mir gleich ein Bild von meinem Outfit machen, wie das aussieht mit dem Rucksack; später dann. Zunächst ja hole ich den Ekkehard nur ab. Seinen Schlafsack nämlich braucht er erst zum Schluß, in zehn Tagen, wenn alles bereits vorbei ist. Spät abends werden wir zurück sein, nicht vor acht, vielleicht später. Es ist dann besser, gemeinsam irgendwo zu essen statt den Ekkehard noch dreihundert Kilometer auf die Schiene zu setzen. So bleibt er dann bis zum nächsten Tag, und deshalb hat er den Schlafsack mitgebracht. Wieder in meiner Wohnung angekommen, essen wir noch ein belegtes Brot.
Ich rufe dann noch den Oliver an. Das Flugticket gelte nicht
gleichzeitig für die S-Bahn zum Flughafen, sage ich ihm noch. Und dann
ist es soweit. Es ist kurz vor vier, und der Bus wird gleich kommen. Und wenn
man dann zum erstenmal mit Rucksack verreist und nicht nur zur Übung
umher geht, sind die ersten Schritte dann doch recht neu.
Doch weit ist es nicht bis zur Haltestelle. Schließlich müssen wir
erfahren, daß die Minuten an der Haltestelle weitaus mehr sind als jene,
die wir brauchten, um hierher zu kommen: Der Bus fällt aus. Und als der
nächste dann aufkreuzt, kommt der so spät bei der S-Bahn an,
daß wir auch diese noch verpassen. Mit einer dreiviertel Stunde
Verspätung erreichen wir den Bahnhof. Da wir den Oliver dort nicht
antreffen, warten wir auf dessen S-Bahn. Doch wir warten vergebens. Oliver ist
bereits am Flughafen. Das wissen wir zu diesem Zeitpunkt aber nicht. Und so
verpassen wir auch ihn.
Es ist kurz vor sechs und Aer Lingus öffnet gerade zwei Check-In Schalter für EI 699 nach Dublin. Als eine der ersten haben wir keine Probleme mit Fensterplätzen. Meine zwei Mitreisenden bekommen ihre Plätze zwei Reihen hinter mir. Oliver und ich müssen dann zum Bulky-Luggage-Schalter, da unsere Rucksäcke mit den Schulter- und Hüftgurten nicht übers Band gehen. Ekkehard's hingegen ist bandgerecht aufbereitet, was uns später noch näher beschäftigen soll. Zunächst jedoch ein kleiner Imbiß. Bei Olli besteht dieser aus einem großen Weizenbier, bei mir aus Kaffee und einem belegten Baguette. Ekkehard gibt sich genügsam.
Auf der Zuschauerterasse schauen wir dem Geschehen auf dem
Vorfeld zu und erwarten die weiß-grüne B737 der Aer Lingus; die
irische Staatsairline. Die trifft dann auch mit knapp zehn Minuten
Verspätung ein, und wir drei gehen langsam zum Gate.
Als wir dann aus der Haltebucht gedrückt werden und rollen, sind wir nur
wenig über der geplanten Abhebezeit. Kurz nach Acht ist St.Munchin
airborne. Die fünfundsiebzig Minuten Aufenthalt in Dublin bis zu unserem
Anschlußflug nach Galway beruhigen mich doch. Ich habe es einmal
erlebt, wie ich auf einem mir unbekannten Flughafen dauerlaufend mein
Umsteigegate zu finden hoffte und den Transferbus vor dem Gate bereits
abfahrbereit vorfand. Unnötig zu erwähnen: Mein Gepäck schaffte
die Maschine nicht mehr. Seitdem bin ich vorsichtig.
Mit unseren geschätzten achthundertfünfzig
Kilometern pro Stunde westwärts fliegend verlängern wir die letzten
Stunden des Tages etwas, und die irische See in dem Goldgelb der Abendsonne
ist mir mein persöhnliches slainte. Die drei Pints of Harp
in einer urigen Kneipe im Umsteigebereich von Dublin Airport spendiere
ich dann auch wirklich gerne. Und der kurze Flug von einer guten halben Stunde
in der St. Ultan, einer gutmütig dahinbrummenden Fokker-50 bis
nach Galway vergehen rasch.
Galway Regional, der Name scheint Programm. Es ist
kurz vor elf, und im Flughafengebäude hofft der Wirt hinter einer kurzen
Theke wohl noch auf ein paar Unschlüssige unter uns Reisenden. Jedenfalls
ist EI-58 der einzige und letzte Flug um diese Stunde und
wahrscheinlich den ganzen Abend über.
Soweit ich erkenne, ist die Fokker der einzige Vogel hier. Ach ja, da
draußen im Gras steht noch eine kleine Einmot.
Der Wartestreifen mit der Taxenmarkierung draußen vor dem Gebäude
ist auch länger als die Hoffnung, noch ein solches zu bekommen. Irgendwo
habe ich da eine Visitenkarte von unserem B&B bei mir, und auf der
Rückseite ist so eine kleine gedruckte Skizze, eine Art Lageplan mit dem
Flugplatz als Referenz. So machen sich dann drei deutsche Rucksackurlauber auf
in die dunkle, milde irische Nacht auf den Weg zu ihrem Nachtquartier, das sie
nie zuvor gesehen...Weiter...
Eine Rucksacktour an Irlands Westküste