Als jemand, der das Tragen einer Uhr vor knapp zwanzig Jahren
aufgab, weiß ich nur, es ist Tag, denn durchs Fenster scheint das
Tageslicht. Olli und Ekkehardt, im Nebenzimmer schlafend, hatten den Wecker auf
halb sieben gestellt. Im ganzen Haus ist es noch still.
Nun, ich bin schon wach und schleiche mich leise ins Zimmer meiner
Mitreisenden. Das ich früh dran bin, merke ich als Oliver etwas von halb
sechs murmelt. Nachsichtig schließe ich die Türe wieder und
schlendere ein wenig um die Häuser.
In den ersten frühen Stunden, wenn der Morgen langsam über den Horizont kriecht, ist der Tag für mich am schönsten. Und hier draußen im Westen Irlands lärmt auch kein Verkehr um diese Zeit., nicht einmal von nahen Flugplatz her. Aus verschiedenen Ecken höre ich Kühe, und irgendwo bellt ein Hund, glaube ich. Es fällt ein bißchen schwer jetzt, schon wieder kehrt zu machen, aber heller ist es jetzt schon, und die andern beiden sitzen wahrscheinlich schon beim Frühstück.
Daß es in Galway keine Taxen gibt, ist
natürlich ein Gerücht. Es gibt sie, und sie fahren, aber eben eher
auf Bestellung denn auf Verdacht. Heute früh gibt es eins, das hat uns
unser B&B gerufen, und es bringt uns in etwa zehn Minuten in die City,
zum Tourist Info, dort, wo wir als Urlauber auch hingehören.
Jedenfalls versicherte man mir am Telefon, ein Bus der Aer Aran, der
Inselfluggesellschaft, würde uns hier abholen und über Salthill
und Spiddal nach Inverin bringen. Dort gibt es einen landing strip
mit Gebäude.
Das wichtigste Utensil dort ist eine große Waage für Menschen und
Sachen. Die gewichtet so ziemlich alles bis zu mehreren hundert Kilo. Wir
fliegen nach Inishmore, und diesmal gibt die Gewichtsklasse den
Ausschlag für den Sitzplatz und nicht irgendein IATA-Tarif. Und
Fensterplatz ist in der kleinen Zweimot immer und überall. Maximal acht
Personen fast das Maschinchen, und hinten hinterm Gepäcknetz noch ein
bißchen Cargo. Wir sind zu sechst heute morgen. Für knapp neunzig
Märker pro Person quirlt der Hochdecker die zehn Minuten über die Galway
Bay, sinkt, schwebt aus und setzt auf und das wars dann. Welcome to Inishmore.
Die Insel besteht hauptsächlich aus Gestein, und der
wenige Graswuchs wird durch Parzellen aus Stein geschützt. Es ist gegen
zehn Uhr und der Himmel durchweg blau. Die Sonne scheint ungehindert, und der
Inselboden tauscht das Licht gegen Wärme. In ein paar Stunden wird es mit
circa dreißig Grad für irische Verhältnisse heiß sein.
Die Insel ist länglicher Form und misst etwa zehn Kilometer auf der
West-Ost-Achse. Die Zweimot entlädt Diverses, auch die Tagespresse vom
Festland. Das wenige aber nützliche Gut wird in einen Bus verladen, und
für fünf Pfund - pro Person - bietet man uns eine Mitfahrgelegenheit
zur drei Kilometer entfernten Stadt. Das ist gewaltig, zählt doch
ein Pfund so zwei achtzig, aber es ist weniger der Geiz als der Wunsch,
unseren Wanderurlaub zu Fuß zu beginnen. So schultern wir die
Rucksäcke und machen uns gemächlich auf den Weg auf der einzigen
Straße Richtung Westen .
Vielleicht hundert Meter abseits der Straße bricht sich
die Brandung des Atlantiks an der Küste und spielt ihre eigene Melodie.
Unser erster Weg führt uns in unser B&B. Gegen elf treffen wir dort
ein und sind bereits nach dem kurzen Weg froh, unsere Rucksäcke ablegen
zu können. Das große helle Zimmer mit drei Betten teilen wir uns.
Lange halten wir uns allerdings nicht auf. Mit leichtem Marschgepäck
ziehen wir wieder los. Der erste Halt gilt dem hiesigen Supermarkt. Die
kühlen erfrischenden Getränke erweisen sich als dankbarer Kauf.
Schließlich ist unser Ziel das westliche Ende der Insel.
Auf unserem Weg westwärts verweilen wir oft. Es ist
schon interessant, auf wieviel verschiedene Arten Stein gestalten kann. Wie
lackiert wirkt er, wenn die Wellen sich an der Küste brechen und Wasser
fortwährend ins Meer zurückläuft. Dann gibt es Steine in
ordnender Geradlinigkeit Wege andeutend oder Parzellen bildend. Und
schließlich sind da noch die am Wege liegenden. Oft treten unsere
Kameras in Aktion. Da wird mit Weitwinkel und mittleren Tele variiert oder mit
dem Polfilter das Licht geordnet.

Steiniger und steiniger wird es. Zunehmend langsamer werden
wir und sehen unser Wanderziel, den westlichsten Punkt der Insel, mit jedem
gelaufenen Meter sich weiter in den Atlantik hinein erstrecken. Irgendwann ist
es Nachmittag, um die fünfzehnte Stunde des Tages, und da verlassen wir
unseren Weg auf der Nordseite. Neues Ziel sind die Klippen an der
Südseite der Insel, laut Karte etwa auf gleicher geographischer
Länge liegend. Reiseführer nennen diesen Ort Don Aengus und
meinen damit die Reste einer mittelalterlichen Festung hoch oben auf den
Klippen.
Die Aussicht dort oben hat was für sich. Die Mauerreste in ihrem Verfall
wirken belebend. Das dies einmal eine schwer einnehmbare Festung war, das
allein wissen Reiseführer diverser Verlage. Der Weg von der
Inselstraße nach oben hinauf ist fordernd. Hier fällt das Plateau
ebenso steil und schroff ab wie es auf ihm eben ist. Man stelle sich
allerdings jetzt uns drei nicht einsam auf Don Aengus stehend die Weite
des Atlantiks bewundernd vor: Die Kargheit der Insellandschaft scheint wie
eine Oase für vielerlei Volk vom Kontinent mit ihren Städten in all
ihrer bunten, plakativen Reklame jeglicher Form, durch Licht, Getöhn und
flimmernde Fernsehspots.
Unten am Fuß der Festung gibt es einen Kiosk und unweit warten mehrere Minibusse auf erschöpfte Felsgeister. Jetzt ist auch unser Wille gebrochen und ein letzter Minibus nimmt sich unserer an, für zehn Pfund für uns Drei zusammen. Abends dann essen wir banale Hamburger mit french fries. Da ist so gar nichts von Fastfood und Schnellrestaurant. Ein paar verlorene Insulaner ließen den Raum größer erscheinen als er war, und als wir gingen, kurz nach Acht, Feierabend für den Imbiß. Ob man immer so früh schließe, frage ich noch. It depends. Nunja, die meisten Inselbesucher sind eben Tagesgäste.
Vor einem Jahr verbrachte ich einige Stunden auf Inisheer, der
kleinsten der drei Inseln von Aran und der Küste am nächsten
gelegen. Das geht hier nicht mit ein paar Stunden, dachte ich mir
damals auf dem Rückweg zum Kai. Und das ich jetzt hier sitze , hier auf Inishmore
in einem Pub mit meinen beiden Freunden, das ist auch wegen der paar Stunden
letztes Jahr auf Inisheer. Jetzt, zu dieser Stunde, sind hier
Insulaner, Iren eben, die ihr Guinness trinken, weil es jetzt Abend
ist, Feierabend und der Imbiß schon zu, mangels Nachfrage. Das geht
hier nicht mit ein paar Stunden.
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Eine Rucksacktour an Irlands Westküste