Gegen halb acht stehen wir auf. Draußen ist der Tag
schon lange wach. Heute Mittag wollen wir rüber nach Doolin und zu den
Klippen von Moher. Irish Ferries wird uns übersetzen. Die
Rucksäcke können wir, bereits wieder gepackt, im B&B hinterlassen und noch ein
wenig im Dorf und am Kai verweilen. Ekkehard geht zur Post, erwirbt eine Telefonkarte und geht
nach Hause telefonieren.
Da kaufen wir dann noch ein paar Ansichtskarten und lassen so uns mehr oder
weniger bekannte Leute an diesen irischen Erlebnissen teilhaben. Um viertel
vor Zwölf kommt die Happy Hooker. Mit Zwischenstopps auf Inishman
und Inisheer schippern wir in einer guten Stunde der Küste
entgegegen. Derweil zieht Stratus auf und macht den Himmel dicht. Von den
sechzehn Tagen vom letzten Jahr, die ich hier in Irland verbrachte, waren es
ganze zwei mit Nieselregen. Sollten es wieder zwei regnerische Tage sein und
begannen sie jetzt?
So mit das erste, was mir der altehrwürdige Mister O'Reilly im zweihundert Kilometer fernen Dublin letztes Jahr nahelegte, war ein Besuch in Doolin. Go to Doolin. It's famous for his music. Nun wir also hier. Betritt man Doolin so wie wir vom Meer her, ist da erst eine Bushaltestelle und dann linker Hand ein Zeltplatz. So vielleicht zwei-, dreihundert Meter weiter finden sich dann die ersten Häuser, aufgereiht an den beiden Seiten der einzigen Straße. Ein Pub, ein Gemischtwarenladen, ein Music-Store. Wohnhäuser gibt es auch, nicht zu knapp, und eigentlich alle bieten B&B. Und dann ist da noch ein Hostel, rechter Hand.
Der Straße nach geht's weiter geradeaus, und am anderen
Ende dann Pubs, Restaurants und eine Imbißstube. Und das Doolin Cafe.
Da geht man besser zweimal hin: Einmal zur Tischreservierung und dann, am
nächsten Abend, zum Dinner. French fries gibt's da
allerdings nicht. Die Speisen hier sind obere Klasse. Die Atmosphäre
allerdings ist locker, und den Knigge kann man zu Hause lassen. Wer's nicht
mag oder es budgetmäßig eine Nummer kleiner braucht: Die
erwähnte Imbißstube bietet mit ihren Hamburgern etwas bestimmt zwei
Klassen Höherwertiges als das uns geläufige Fastfood.
Und dann hört Doolin einfach auf, die Dorf- wird zur
Landstraße und schon hat sich's. Die berühmten Cliffs of Moher
sind gleich nebenan, und ein nicht zu übersehendes Hinweisschild weist
unbeirrt den Weg zu ihnen. Ebenfalls gleich nebenan, quasi gerade auf der
Straßenseite gegenüber, beginnt im Norden der ebenfalls in
Reiseführern oft erwähnte Burren. Wir interessieren uns
für Beides, sind es leid, jeden Tag umzuziehen und Rucksäcke aus-
und wieder einzupacken. Spontan fällt die Entscheidung für drei Tage
Aufenthalt. Samstag dann wollen wir weiter Richtung Galway und Connemara.
Da beziehen wir also Quartier. Olli und Ekkehard in einem B&B; ich
in einem Anderen. Eigentlich findet man ohne jede Voranmeldung immer eines,
auch jetzt im Juni, das hat sich bereits letztes Jahr sechzehnmal
hintereinander bestätigt. Nur manchmal muß man ein wenig flexibel
sein.
Wir beziehen unsere Quartiere, halten uns ansonsten nicht länger auf und
machen uns dem Hinweisschild folgend auf zu den Klippen von Moher...
Der Weg geht entlang der Klippen. Bald schon findet sich ein
Drahtzaun. Nicht dient er der Abgrenzung oder Markierung des zu wandernden
Weges sondern steckt verschieden große Parzellen ab. Man muß
entscheiden, innerhalb dieser zu bleiben und ab und an auf einen Steinwall zu
treffen, den es zu überwinden gilt oder jenseits des Zaunes relativ
unbehindert den Klippen umso näher zu sein. Mit etwas Vorsicht geht man
außerhalb der Parzellen ganz bequem. Irgendwann ist da eine Spalte,
nicht mal einen Meter, die mit einem großen Schritt zu bewältigen
ist. Ekkehard und mir wird das aber doch etwas zu gewagt, und für eine
Weile wechseln wir auf die andere Seite des Zaunes.
Der Stratus von heute mittag bedeckt jetzt den ganzen Himmel.
Nur kurz bricht ab und an die Sonne durch, kurz nur wie zur Erinnerung. Aber
es bleibt trocken. Auch die Sicht ist gut. Als sich dann, erst nur winzig,
dann immer größer und deutlicher werdend der O'Briens Tower
am Horizont abzeichnet, sind wir auf halben Wege zum Besucherzentrum. Das
liegt wie zu erwarten touristenfreundlich zwischen Hags Head,dem
südlichen Ende der Klippen und Doolin. Hier fallen die Klippen mit
runden zweihundert Metern steil in die Tiefe.
Zweimal geht es auf diesem Weg recht steil bergauf. Ich
spüre meine Beine nun schon stärker. Den großen Rucksack im
B&B zu wissen tut gut. Auch die Pausen zwischendurch.

Zweimal bin ich letztes Jahr den Weg entlang der Klippen gegangen, einmal vom
Besucherzentrum aus nach Süden bis hin zu Hags Head. Und dann, von dort auf
gleichem Pfad zurück, nach Norden etwa bis zu einem Punkt des Weges, wo
ich grasende Schafe an einem Platz wiederfinde, an der der Lage nach hoch oben
auf einer Anhöhe eher ein Bergkreuz zu vermuten wäre. Einmal hier
vor Ort, werde ich diese Stelle immer wieder erinnern. Heute also wieder die
Klippen entlang.
Ein paar Meter weiter beginnt der Atlantik. Da ist nur
Wasser, bis hin zum Horizont, und mir ist als gäbe es da draußen
keine andern Klippen mehr oder eine Küste und keine Wellen, die sich
brechen. Wäre da nicht noch Island weiter nordwestlich, wahrhaftig, hier
wäre die westliche Grenze Europas.
Beeindruckend ist es schon zu sehen, wie sich zweihundert
Meter tiefer die Brandung bricht ohne dies hier oben zu hören, ohne das
Salz des Wassers oder den Tang zu riechen. Viele tausend Vögel, in den
Klippen nistend und sicher vor Feinden stimmen hier zum typischen Konzert.

O'Briens Tower wird immer mehr zum Turm, je näher wir kommen.
Irische Weisen, die der Wind herüber trägt, werden deutlicher und
mehr und mehr jene Zeitgenossen, die gehäuft nur in der Nähe von
Besucherzentren zu finden sind. Hier gibt Snacks, Kaffee und Kuchen,
folkloristisches Allerlei von der CD bis zum T-Shirt. Geldumtausch ist
möglich und es findet sich ein Münzfernsprecher. Und ein kleiner
weißer Mischling mit Gipspfeife und Halstuch auf der Motorraumhaube
eines Wagens sitzend wirbt um Aufmerksamkeit und um eine kleine Spende
für seinen Herrn.
Wir zählen die achtzehnte Stunde. Gut drei Stunden Fußweg liegen
hinter uns, und das Ende der Klippen liegt jetzt jenseits der Türe des Gift-
und Coffeshops. Hier gibt es Kaffee, ein paar Schokoriegel. Und hier
hängt auch ein Busfahrplan. Bus Aireann kommt hier um fünf
nach Sieben vorbei und bringt uns, irische Landstraßen sind keine
Schnellstraßen, in fünfundzwanzig Minuten zurück nach Doolin.
Im Doolin Cafe bleibt uns nur, für morgen einen Tisch zu bestellen. So hänge ich kurz darauf beim Imbiß rum. Olli und Ekkehard sind nebenan und bestellen etwas Richtiges. Wir drei treffen uns an einem der Tische draußen wieder, die zu dem Restaurant gehören. Da mampfe ich den Hamburger von der Konkurrenz, und gewisssermaßen als Platzgeld und auch wegen des Durstes gibt's ein Harp aus dem Restaurant.
Überhaupt, das Harp. Da ist immer die Rede von Guinness und irischem Nektar, wenn da einer von Irland erzählt. Ein Morgen nach solch einen - oder mehreren - Extra Stouts sind immer eine Strafe. Da bekommt mir das leichte Lagerbier weitaus besser. Gebraut wird es übrigens auch von der Guinness Brauerei. Es bleibt also alles in der Familie. Weiter...
Eine Rucksacktour an Irlands Westküste