Eine Rucksacktour an Irlands Westküste

Sonntag, 8.Juni: Von Höhlen und Mythen



© 1998 - 2002 Friedhelm Stille

Heute vormittag besuchen wir das Heritage Centre im Dorf. Der Geist des Siegers, des Quiet Man, weht uns förmlich entgegen. Doch findet sich auch Nützliches, wie eine Wanderkarte für die Region etwa, ebenso ein speziell die Gegend behandelnder Reiseführer. Beides erweist sich als guter Kauf. Kaum aufgeschlagen, berichtet das Büchlein denn auch sofort von geheimnisvollen Höhlen im Cong Forrest gleich beim Ortsanfang. Zuerst führt es uns heraus aus Cong, Richtung Bushaltestelle. Dann, auf der Landstraße, noch bevor rechter Hand der große, nicht zu übersehende Eingang zu Ashford Castle auftaucht, geht es links in den Wald, heißt es. Das muß uns genügen; einen Wegweiser oder so gibt es nicht. Ein unscheinbarer Mauerdurchbruch ist denn auch der einzige Hinweis. Ein kleiner Pfad oder das, was wie dafür halten, führt über ein kleines Stück Wiese recbts an einem Gebäude vorbei hinein in den Wald.

Höhle Der Weg schlängelt sich mal links, mal rechts kurvend vorbei an Bäumen, wie das bei Waldwegen nun mal so ist. Wie lang wir da so unterwegs sind, weiß ich nicht mehr genau, vielleicht fünfzehn Minuten, und beinah hätten wir's verpaßt. Am Wegrand führt eine schiefe, alte Steintreppe etwa anderthalb - bis zwei Meter abwärts bis vor ein Gitter. Dahinter läßt sich mit etwas Mühe ein Hohlraum ausmachen. Hier ist Kevin's Cave. Angeblich kann man den Schlüssel zur Höhle im Heritage Centre ausleihen. Das steht so im Reiseführer, aber das lese ich erst am nächsten Morgen.

So baue ich denn das Stativ auf, was ich auf Olli's Rat hin dabei habe, montiere die Canon, richte das Ding aus, justiere hier, drehe dort, prüfe den Bildausschnitt und so fort. Ekkehard lichtet das Ganze ohne große Vorbereitung ab, und Olli wartet, bis er das Stativ benützen kann.

Dann, vielleicht eine halbe Stunde später, ziehen wir weiter. Unser gelehriges Reisebüchlein weiß von einer anderen Höhle noch, unweit von hier, und da gehts weiter den Waldweg lang. Diese Höhle, liest es sich, sei eigentlich keine Höhle, sondern eine Schlucht. Im letzten Jahrhundert, so die Sage, habe da ein gewisser Mister Webb des öfteren verweilt und den Frauen aufgelauert, die hier entlang des Weges kamen. Er griff sie dann auf und zwang sie, sich zu entkleiden, um sie anschließend schlicht und ergreifend die Schlucht hinab zu stoßen, die damals noch Wasser führte, in der die armen Damen dann elendig ersoffen. Warum er dies tat, ist so nicht ganz klar; unser Büchlein schweigt sich darüber aus . Captain Webb's ureigenes Schicksal hingegen wird ausführlich, wie zur Genugtuung, beschrieben: Eines Tages oder Abends, so genau weiß man das nicht, lauerte er wieder einer Dame auf, ergriff sie und nötigte sie, sich zu entkleiden. Sie tat wie ihr geheißen, bat den Captain jedoch - aus Gründen der Scham - sich abzuwenden. Er willigte ein und wandte sich ab, worauf er von hinten gegriffen und in seine Lieblingsschlucht geworfen wurde und genauso elendig ersoff wie seine unglücklichen Opfer vor ihm.

Es ist erst so gegen Zwei. Unser getreuer Reiseführer erzählt von einem Turm knapp drei Kilometer südwestlich von Ashford Castle, und unsere detaillierte Regionalkarte weiß den Weg dorthin. Wir ziehen also los, kommen wieder am Haus mit dem Loch in der Mauer auf die Straße und betreten den Park des Schlosses durch den großen, offiziellen Eingang - und werden drei Pfund los. Zuerst folgen wir den Wegen des Schloßparks und anschließend einem Stück Straße, die kurz darauf nach rechts, nach Norden abbiegt. Geradeaus hat die Karte einen Feldweg ins Gelände gezeichnet, direkt am Seeufer entlang. Der findet sich auch tatsächlich da, wo er hingehört. Auch einen Parkplatz finden wir, genau da, wo die Karte ihn hingestellt hat, einen guten Kilometer weiter. Wir folgen weiter dem Feldweg Richtung Turm der, so sagt die Karte, nur noch drei-, vierhundert Meter weiter voraus zu finden sei. Wir bleiben stehen, sehen uns um, folgen für Minuten einen Weg hangabwärts zum See, machen kehrt und arbeiten uns hangaufwärts einen Weg durch den Wald, der unmöglich ein Wanderweg sein kann. Von tiefen Furchen durchzogen ist dieser Trampelpfad, der immer matschiger wird. Wir übersteigen Baumstämme und kleine Tümpel, aber es geht immer nur weiter steil voran. Kein Turm weit und breit.
Irgendwann dann geben wir auf, machen kehrt und wetzen den Dreck von unseren Wanderschuhen im Gras ab. Voraus finden wir eine kleine Lichtung mit schönen Blick auf den See. Dort steht auch ein Chalet, im Inneren verfallen, aber von außen noch einwandfrei in Schuß. Der einstige Schloßherr soll es seiner Gemahlin wegen des schönen Ausblicks auf den See errichtet haben, und diese - die Aussicht - ist wirklich nicht schlecht, vor allem, wenn man sich nach längerem Fußmarsch dabei auf die Stufen des Chalets setzen kann.

Abends dann geht es nach dem Essen noch in einen anderen Pub. Ein Musiker habe sich angekündigt, was hier in Irland so ungewöhnlich nicht ist, und ob wir was trinken wollen. Natürlich wollen wir. Es sei Wahltag, erklärt man uns, und der angekündigte Musiker sei eben nicht nur Musiker sondern auch Wahlhelfer, und das es etwas später werden könne. Nunja, was macht's, man kann ja zwischenzeitlich noch etwas trinken.

Und dann kommt er doch noch, entschuldigt seine Verspätung, es sei heute Wahltag und er habe als Wahlhelfer der Wahl geholfen, und seine Partei habe natürlich gewonnen und das er so glücklich sei heute. Für diesen einen, kurzen Satz brauchte er, nicht mehr ganz nüchtern, etwas länger, aber schließlich musizierte er dann doch noch. Ein Stück, Danny Boy, brachte er so herzergreifend dar, als besänge er die Opfer unseres düsteren Mister Webb. Weiter...