Eine Rucksacktour an Irlands Westküste

Montag, 9.Juni: Inchagoill



© 1998 - 2002 Friedhelm Stille

Dolmen House, unser B&B, ist ein geräumiges Anwesen. Der Frühstücksraum ist nicht riesig, aber doch groß, mit weiten Fensterflächen, die einen Blick ringsum hinunter ins Dorf und zu den Waldflächen des Cong Forrest zulassen. Nach und nach treffen Olli und Ekkehard ein, immer nach mir. Heute vor einer Woche haben wir uns aufgemacht nach Irland, wir drei. Mit heute verbleiben uns noch vier Tage.

Unsere Wirtin, die blonde Mittzwanzigerin mit dem Baby, bringt am Nebentisch Kaffee zu einem alleinsitzenden Gast. Er ist recht schweigsam, wie das so ist, wenn man alleine sitzt. Walter heißt er, so viel zumindest ist sicher, denn so spricht die Wirtin ihn an.

Gut geschlafen?
Was haben Sie gemacht, am gestrigen Tag?
Haben Sie was gefangen?
(Walter ist zum Angeln gekommen, auch das ist sicher).
Was haben Sie heute vor?
Gefällt Ihnen Irland?
So in etwa verlief der Smalltalk an diesem Morgen, und nach soviel Fragen gespannte Sekunden der Stille. Nun war es an ihm, an Walter.
Tja.

Das war es dann. Angler sind eben nicht sehr gesprächig, könnte man meinen. Da ich kein Angler bin, weiß ich das nicht. Walter saß nun wieder allein am Tisch, aber nicht lange. Kurz drauf gesellten sich mehrere andere Gäste zu ihm, auch Angler, auch Deutsche.

Wir wollen auf die Insel. Irgendwann zwischen gestern abend und heute früh ist die Idee gereift und angenommen worden. Im Lough Corrib existieren mehrere Inseln unterschiedlicher Größe. Inchagoill, eine davon, wird täglich zweimal von einem kleinen Fährschiff angefahren. Die Abfahrtsstelle ist ein wenig außerhalb, nahe eines Campingplatzes, und der liegt in Richtung der Bushaltestelle des Expressways, nur noch etwas weiter. Wir kalkulieren eine gute Stunde Fußmarsch.

Erste Zweifel dann, als wir ankommen. Zwar ist da so etwas wie ein Bootssteg, aber sonst auch nichts. Da ist keine Fähre, nicht mal ein kleiner Kahn, und der Platz hat etwas Sympathisches in der Art eines zerfallenden Dockhafens. Doch da schippert schon das Fährboot heran, noch etwas fern zwar, aber unzweifelhaft direkt auf uns zuhaltend. Mittlerweile haben sich noch ein paar andere Interessierte eingefunden. Mit der Sicherheit des Experten versichern wir, man sei hier schon richtig.
Etwas später dann geht es auch schon los. Die Fähre hat eine geschlossene Kabine und ein Außendeck. Bei dem Fährdienst ist es so, daß man in etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten braucht, um überzusetzen. Der Fährschiffer geht dann samt Passagieren an Land, will sagen: Auf die Insel, und wird zum Reiseführer. Nach einem Rundgang von vielleicht einer halben Stunde geht es dann wieder gemeinsam zurück. Draußen weht einen der Wind um die Nase, doch das Wetter scheint ansonsten in Ordnung. So überlegen wir, nicht unmittelbar, sondern erst beim nächsten, zweiten Anlegen der Fähre wieder aufs Festland zurückzukehren.

Inchagoill besitzt, wie die ganze Gegend um Cong herum, eine üppige Vegetation, hat viel Baumbestand und Pflanzenwachstum. Der Rundgang führt entlang eines Wanderweges bis zu einer kleinen Lichtung. Eine Vielzahl kleiner, behauener Steine ragt aus dem Boden heraus; eingemeißelt sind Namen und Zahlen zu sehen: stumme Botschaften vergangenen Lebens. Es ist ein kleiner Friedhof hier, und die angrenzende Kapelle ist verfallen; eine Ruine als ihr eigener Grabstein. Der Fährschiffer erzählt von der Geschichte dieser Örtlichkeit, als seien wir hier die ersten, denen er sie anvertraut. Wie mag die Insel abseits des Friedhofes aussehen? Der Wanderweg jedenfalls endet hier nicht, sondern verliert sich irgendwo weiter hinten im Wald. Von der Größe her müßte das Eiland vollständig zu Fuß zu erkunden sein, ehe der Fährschiffer mit einer neuen Gruppe kommt, heute Nachmittag, und wir drei uns ihm wieder anschliessen könnten.
Auf dem Rückweg zum Anlegeplatz erfahre ich dann vom ihm, daß er nicht nur Fährschiffer, sondern - I do farming also - auch Bauer ist und eine Art Gutachter in der Pferdezucht. Erst kürzlich war er in dieser Angelegenheit in Hannover, erzählt er. Unser Ansinnen freilich, bis zu seiner Rückkehr heute nachmittag auf der Insel verbleiben zu können lehnt er freundlich ab. Er sei nicht sicher, ob das Wetter nicht doch umschlägt und eine zweite Anfahrt unmöglich macht. Und ohne Zelt, Schlafsack und dergleichen möchte er uns dann nicht auf der Insel wissen.

So schippern wir wieder mit zurück. Diesmal nähern wir uns Ashford Castle vom Wasser her. An einem kleinen Steg legt die Fähre an. Als Entschädigung gewissermaßen für unseren verhinderten verlängerten Inselaufenthalt bietet der Fährmann uns an, hier auszusteigen; wir könnten den Schloßpark besichtigen und die 3 Pfund Eintrittsgeld sparen, wenn wir hier ausstiegen. Das machen wir auch, obwohl der Park für uns so ganz neu auch nicht mehr ist. Und das mit dem Eintrittsgeld kommt uns auch bekannt vor.

Der Nachmittag dann findet uns wieder im Wald, diesmal in Richtung des anderen Ortsausganges im Nordwesten. Das Stativ lasse ich zurück. Ich werde es noch bereuen. Wieder ist es ein normaler Waldweg, auf den es für eine Weile abschüssig weiter geht, bis eine Art Gemäuer eine Schlucht bildet, deren Enden durch kleine steinerne Portale gebildet werden. Man muß sich etwas bücken, um sie zu passieren. Das satte Grün des Mooses auf den Steinen und das durch durch das Blattwerk fallende Oberlicht wirkt faszinierend. Für eine Handaufnahme leider zu dunkel. Wie dumm, daß das Stativ in unserem Zimmer ist. So bleibt mir nur das Abstellen der Canon auf dem Boden und ein Auslösen mit dem Drahtauslöser.

Etwas weiter dann findet sich entlang des Weges rechts eine in die Tiefe führende Steintreppe. Links ist an der Felswand ein Geländer montiert, und das ist auch nötig. Es geht ziemlich steil nach unten, und der Regen und herumliegendes Laub mahnt zur Vorsicht. Unten angekommen, geht es ein Stück weiter in den Berg hinein, und man hört dumpf das Fließen von Wasser. Hier irgendwo muß einer der unterirdischen, natürlichen Kanäle sein, die den Lough Mask mit dem Lough Corrib verbinden. Wir befinden uns im Pigeon Hole. Wieder fehlt das Stativ, und diesmal bietet sich auch keine andere Möglichkeit an, die Kamera irgendwo abzustellen und zu positionieren. So bleibt nur entgegen aller Überzeugung das Auslösen mit der Hand mit einer Zeit, die viel zu lang ist für ein scharfes Bild. Ich sollte Recht behalten.
Die Überlegung, nochmal mit Stativ zurückzukehren, verwerfe ich; die benötigte Zeit wird nicht reichen, vor der Dämmerung wieder zurück zu sein. Und morgen vormittag um zwanzig nach zehn geht unser Expressway 59 nach Galway. Weiter...